Erziehung findet immer in einer Beziehung statt.
Eltern gestalten die Beziehung zu ihren Kindern – und tragen die Verantwortung für deren Qualität und Entwicklung. Die Eltern sind die ersten Menschen, die mit den Kindern eine Beziehung eingehen. Sie lehren sie den Umgang miteinander und wie man in Kontakt miteinander geht. Kinder lernen Beziehung durch die Art und Weise wie die Eltern in Beziehung mit ihnen gehen und wie die Eltern mit ihnen umgehen.
Kinder lernen Beziehung nicht über das was Eltern ihnen erzählen, sondern über das was sie vorleben, über die Art, wie sie mit ihnen sprechen und wie sie über andere sprechen.
Dies bedeutet jedoch nicht, dass Eltern perfekt sein sollten oder es keine Konflikte geben darf. Viel mehr ist der Umgang miteinander entscheidend und das Vorbild der Eltern.
Die Beziehung bestimmt den Kontakt mit dem Kind und vom Kind zu seinen Eltern. Wenn Kinder sich sicher und geborgen fühlen öffnen sie sich. Kinder brauchen Eltern, die den Kindern ihre eigenen Gefühle angemessen zeigen und auch von sich selbst erzählen.
Kinder wollen und brauchen keine Eltern, die so tun als wären sie perfekt und wüßten alles. Sie wollen Eltern, die mit ihnen die Welt entdecken und sie ihnen erklären. Sie brauchen Eltern, die Fehler zugeben und sich mit ihnen gemeinsam weiter entwickeln.
Die Beziehung ist das Bindeglied der Eltern zu ihren Kindern und trägt durch Kindheit, Jugend und ist die Basis im Erwachsenenleben. Noch einmal möchte ich wiederholen, es kommt nicht darauf an, keine Fehler zu machen oder perfekt zu wirken, sondern immer wieder die Verbindung zum Kind herzustellen.
Was macht eine positive Beziehung aus?
Beziehung braucht Bindung
Wer sich geschützt und verstanden fühlt, kann Vertrauen aufbauen. So entsteht eine Beziehung, die Halt gibt.
Beziehung braucht Grenzen
In einer positiven Beziehung werden die Grenzen aller Familienmitglieder geachtet. Mehr zum Thema Grenzen findet ihr hier
Beziehung entwickelt sich durch reflektieren
Sich selbst zu reflektieren und auch kritische Bemerkungen vom Kind in die Reflexion miteinzubeziehen ist ein wesentlicher Bestandteil von eigener Entwicklung. Für Kinder ist es wichtig, zu erfahren, dass sie angehört und ernst genommen werden. Wenn sie dann noch erleben, dass die Eltern darauf eingehen und eventuell das eigene Verhalten verändern oder zumindest erklären, weshalb sie es nicht verändern, stärkt das ihre Selbstwirksamkeit. Auch einmal getroffene Entscheidungen der Eltern können diese zurücknehmen mit einer kurzen Erklärung für die Kinder.
Bsp.: Als meine Tochter ins Schulalter kam, bemerkte ich, dass meine erste Reaktion, wenn sie mich um Erlaubnis für etwas fragte „Nein“ war. Ich reflektierte meine Reaktion und erkannte: ich befürchtete, dass ein Ja zu ihren Fragen mich aus meiner Komfortzone reißen würde. Ich teilte ihr meine Erkenntnis mit und versprach ihr in Zukunft erst einmal zu überlegen, bevor ich ihr eine Antwort gab.
Beziehung entwickelt sich durch auseinandersetzen
Konflikte haben zu unrecht einen schlechten Ruf. Es kommt vielmehr darauf an, wie Konflikte gelöst werden. Ein respektvoller und konstruktiv gelöster Konflikt schenkt den Beteiligten Erkenntnis über sich selbst und den anderen. Man erfährt etwas über den anderen über seine Bedürfnisse und Wünsche. Wenn alle Beteiligten ihre Bedürfnisse ohne Bewertung äussern dürfen, erfahren Kinder, das sie ernst genommen werden. Wie heißt es so schön, Reibung erzeugt Wärme.
Eine positive Beziehung hat das Kind im Blick….
- und sucht nicht den einfachsten Weg für sich und das Kind.
- versucht nicht das Kind in die eigenen Vorstellungen und Erwartungen zu stecken. Hier hilft die Selbstreflexion sich eigene Vorstellungen und Erwartungen, bewusst zu machen und diese loszulassen.
- nimmt dem Kind keine Schwierigkeiten ab, sondern begleitet es bei der Bewältigung, ermutigt es, wenn es aufgeben möchte.
- nimmt die Bedürfnisse und Gefühle des Kindes ernst und spiegelt sie ihm. Mehr zum Thema: Bedürfnisse und Gefühle
- hört dem Kind zu und will verstehen, was das Kind interessiert und beschäftigt. Sollten Eltern keine Zeit haben, sollten sie das den Kindern mitteilen und sagen, wann sie Zeit haben. Je jünger die Kinder und je wichtiger das Thema desto mehr sollten sich die Eltern in diesem Augenblick Zeit nehmen.
- Zeiten, die Eltern mit dem Kind verbringen, sollten Handy frei sein, das zeigt den Kindern, dass sie wichtig sind.
- Bsp.: Peter liebt es mit seinem Sohn Fußball zu spielen. Der Weg zum Spielplatz ist allerdings auch eine gute Zeit, um in Ruhe mit einem Freund der Probleme hat, zu telefonieren. Sein Sohn läuft vorneweg. Er kennt den Weg zum Spielplatz auswendig. Am Spielplatz wartet er auf seinen Vater. Dieser möchte seinen Freund nicht abbrechen und bleibt am Rand stehen. Anfangs ruft ihn sein Sohn. Als er damit keinen Erfolg hat, setzt er sich auf seinen Ball und starrt in die Luft. Später spielen die beiden noch zusammen. Als Peter das nächste Mal mit seinem Sohn Fußball spielen will, hat dieser keine Lust und sagt, du hast doch eh keine Lust. Peter entschuldigt sich bei seinem Sohn und schaltet zukünftig das Handy aus oder auf stumm, bereits wenn er mit seinem Sohn zum Spielplatz geht. Auf einmal rennt sein Sohn nicht mehr vorneweg, statt dessen nutzen sie diese Zeit für den Austausch von Erlebnissen.
- Kinder möchten dazu gehören, daher ist es gut, Kinder in Entscheidungen, die sie mitbetreffen miteinzubeziehen und anzuhören.
Allgemeines über Beziehungen
- Am Beginn von allem steht die Einstellung und Haltung, die die Eltern dem Kind gegenüber haben. Gehen die Eltern davon aus, dass Kinder im Grunde gut sind oder dass sie erst zum Guten erzogen werden müssen? Streben die Eltern eine Beziehung auf Augenhöhe und nehmen sie ihre Erziehungsverantwortung wahr?
- Eine Beziehung verändert sich ständig und erfordert ein regelmäßiges daran Arbeiten.
- Eltern können jederzeit die Beziehung zu ihrem Kind verändern. Wenn Eltern etwas verändern, kann sich das gesamte Familiensystem verändern. Oft ändert sich die Situation zwar nicht sofort, sondern braucht Zeit.
- Es wird immer wieder Momente geben, in denen wir andere mit Worten oder unserem Sein verletzen. Hier stellen Eltern die Beziehung wieder her, indem sie sich entschuldigen und kurz ihr Handeln erklären. Der Erwachsene ist jederzeit für die Beziehung verantwortlich.
Was lernen Kinder durch eine positive und wertschätzende Beziehung?
- Perspektivwechsel – durch reflektieren und mitteilen der eigenen Gefühle und Bedürfnisse
- dass andere Menschen Grenzen haben und diese geachtet werden sollten
- Vertrauen in sich und in die Bezugspersonen und ins Leben, wenn sie erfahren, dass die Beziehung verlässlich, vorhersehbar und zugewandt ist
- eigene Lösung finden, wenn ihnen zugehört wird, einfühlsam, selbstwirksam
- Mitgefühl lernen Kinder, wenn sie erleben, dass wir sie mit ihren Gefühlen akzeptieren
- Freundschaften und Beziehung zu anderen Kindern und Menschen aufzunehmen und einzugehen
Stolperfallen der Eltern und Wege der Heilung
Eigene Kindheitsmuster
Auch Eltern wachsen in ihrer eigenen Kindheitsfamilie in einer Beziehung auf. Sie lernen von ihren Eltern den Umgang mit Beziehung zu sich selbst und zu anderen. Oft tragen Eltern diese Beziehungserfahrungen in ihre eigene gegründete Familie und leben sie weiter.
Heilung beginnt, wenn Eltern sich diese Muster bewusst machen. Durch das Reflektieren und Bewusstmachen kann es möglich sein, alte Muster, Schritt für Schritt zu ändern. Kinder beobachten auch die Beziehung, die Eltern zu sich selbst haben. Daher und wegen der Selbstliebe sollten Eltern bei der Veränderung liebevoll und geduldig mit sich selbst sein.
Stress, Angst, Zweifel
Stress, Angst, Zweifel lassen uns oft anders handeln, als wir uns vorgenommen haben. Unser Gehirn befindet sich dann im Flucht- und Überlebensmodus. In diesem Modus greifen wir leichter auf gelernte und gefestigte Muster zurück.
Heilung beginnt, wenn Eltern vor dem Reagieren innehalten, durchatmen und erst einmal sich selbst regulieren, bevor sie auf das Kind reagieren. Außer bei akuter Gefahr ist es meist nicht nötig, sofort und schnell zu handeln.
Falls wir doch unangemessen gehandelt haben, geschieht Heilung in der Beziehung zum Kind, indem die Eltern sich entschuldigen und kurz erklären, weshalb sie so reagiert haben.
Glaubenssätze
Glaubenssätze, die Eltern verinnerlicht haben, beeinflussen ihren Umgang, sowie ihre Beziehung zum Kind.
Bsp: man darf keine Schwäche zeigen.
Bsp.: Als Mutter fühle ich mich für das Glück und die Harmonie in der Familie verantwortlich.
Heilung geschieht, indem Eltern sich diese Glaubenssätze bewusst machen und sie Schritt für Schritt verändern.
Gegenteil der eigenen erfahrenen Erziehung weitergeben
Wenn Eltern anstreben, das Gegenteil ihrer eigenen erfahrenen Kindheit weitergeben zu wollen, besteht die Gefahr dass sie ins andere Extrem gleiten.
Bsp.: In der Kindheitsfamilie von Marlene gab es keine Nähe. Früh lernte sie, dass es keine Hilfe gab und sie sich selbst helfen musste. Mit ihren Kindern lebt sie das anders. Sie nimmt ihnen jede Herausforderung ab, da sie nicht möchte, dass diese sich hilflos fühlen, wie sie damals
Marlene merkt nicht, dass sie das andere Extrem lebt. Die Mitte dieser beiden Extreme wäre es, dass Marlene ihren Kindern die Herausforderungen nicht abnimmt, sie jedoch bei der Lösung begleitet und bestärkt. So wird die Selbstwirksamkeit der Kinder gestärkt und sie erfahren, dass sie nicht allein gelassen werden.
Heilung liegt auch hier wieder in der neutralen Reflexion. Jedes Extrem birgt auch immer eine positive Seite. Im obigen Beispiel eben, dass Kinder durchaus an Herausforderungen wachsen, wenn ihnen die Eltern unterstützend zur Seite stehen. Daher liegt Heilung nicht in der kompletten Ablehnung alter Erziehungsmuster, sondern in der neutralen Reflexion und dem bewussten Übernehmen von sinnvollen Teilen.
Probleme mit der eigenen Gefühlregulierung
Wenn Eltern sehr impulsiv reagieren und schnell explodieren, löst dies beim Kind Angst und Unsicherheit aus. Kinder brauchen die Eltern, um ihre eigenen Gefühle zu regulieren und sie brauchen das Vorbild der Eltern, um angemessen mit ihren Gefühlen umgehen zu können.
Mehr zum Thema Gefühle findet ihr hier
Heilung beginnt, indem Eltern sich dies bewusst machen und die Ursachen dafür finden. Manche Menschen verdrängen ihre Gefühle solange, bis sie irgendwann explodieren. Hier kann es helfen, früher zu reagieren, um noch angemessen seine Gefühle äussern zu können.
Heilung bedeutet, sich andere Verhaltensmöglichkeiten zu überlegen. Erst innehalten, durchatmen, bis 10 zählen, bevor man reagiert oder nach einer Erklärung kurz den Raum verlassen. Voraussetzung ist, dass das Kind geschützt ist und sich in der kurzen Abwesenheit nicht verletzen kann.
Heilung kann hier auch bedeuten, in einer Therapie seinen eigenen Gefühlen und Impulsen auf die Spur zu kommen und neue Verhaltensweisen zu erlernen.
Kinder ein Spiegel ihrer Eltern
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“, ein wahres Sprichwort. Kinder zeigen den Eltern oft Verhaltensweisen auf, die diese bei sich selbst nicht sehen wollen. Genauso triggern Kinder oft die Punkte bei uns, bei denen wir uns selbst weiter entwickeln können.
Mehr zum Thema Kinder als Spiegel findet ihr hier
Heilung liegt im bewussten und ehrlichen Ansehen dieser kleinen Spiegel und den eigenen Anteil daran erkennen. Denn dann bekämpfen wir nicht das Kind, sondern reflektieren uns und arbeiten an einer positiven Veränderung von uns.
Emotionale Abhängigkeit
Wenn die Stimmung eines Elternteiles davon abhängt, ob das Kind zufrieden oder liebevoll ist. Eltern sind die Erwachsenen in der Familie und sollten die Gefühle und Reaktionen ihrer Kinder angemessen begleiten. Dazu gehört auch, nicht emotional von den Gefühlen des Kindes abhängig zu sein.
Heilung geschieht indem die Eltern Handlungen und Gefühle der Kinder nicht persönlich nehmen und sie dabei begleiten. Für Kinder ist es wichtig, dass sie lernen, auch unangenehme Gefühle und Konflikte auszuhalten. Mit der liebe- und verständnisvollen Begleitung ihrer Eltern fällt dies leichter.
Partnerschaftsprobleme
Bei Partnerschaftsproblemen, die wir verdrängen oder nicht lösen, besteht die Gefahr, dass wir sie auf unsere Kinder übertragen oder dass unsere Kinder diese spüren und ausleben.
Heilung liegt wie meist in der Bewusstwerdung und dem Lösen von Konflikten. Etwas, dass wir verdrängen ist nicht verschwunden. Es taucht an anderer Stelle wieder auf.
Fehlender Perspektivwechsel
Manchmal sind wir so mit der eigenen inneren Wahrnehmung verflochten oder so fest mit unseren Erwartungen oder Vorstellungen von Familie oder Leben verbunden, dass der Blick auf unsere Kinder getrübt ist. Dann nehmen wir nicht die Befindlichkeiten unserer Kinder wahr, sondern sehen das was wir erwarten oder erhoffen zu sehen.
Heilung liegt in der Kommunikation und dem Zuhören, was unsere Kinder uns sagen, ohne dass unsere eigenen Gedanken dabei im Hintergrund lauern. Auch hilft es die Situation und das Kind in seiner Befindlichkeit mit Abstand zu sehen.
Was schwächt und was heilt die Beziehung
Die oben genannten Stolperfallen der Eltern treten zu unterschiedlichen Zeiten und unterschiedlich stark auf. Wichtig ist es, sie zu erkennen, damit sie verändert werden können. Eltern sind für die Beziehung verantwortlich und für die Heilung.
Immer wieder geschieht es, dass wir andere Menschen und vor allem unsere Kinder unbewusst oder bewusst verletzen. Oder die Eltern sagen etwas und es kommt anders beim Kind an. Auch wenn wichtige Grenzen gesetzt werden, kann dies die Kinder verletzen.
Wichtig ist, dass uns dies bewusst ist. Eltern sollten die Mimik ihrer Kinder kennen. Wie sie aussehen, wenn sie entspannt sind und wenn sie verletzt worden sind. Bei meiner Tochter konnte ich das immer an ihrer Mimik erkennen. Wenn ein Verhalten oder Worte von mir sie verletzten, versteinerte ihre Mimik.
Heilung erwächst aus dem Erkennen und ganz wichtig, sich entschuldigen und das eigene Handeln kurz erklären.
Ignorieren, auslachen, beschämen und jede Form von Gewalt verletzt das Kind und stört die Beziehung. Wir sollten darauf achten, respektvoll und achtsam mit unseren Kindern umzugehen. Wenn wir doch einmal anders gehandelt haben, ist es wichtig, sich zu entschuldigen und dem Kind mitzuteilen, dass wir falsch gehandelt haben.
Elternsein ist ein Vollzeitjob. Je mehr Energie wir haben, desto gelassener und entspannter können wir auf die Kinder eingehen. Daher ist es wichtig, als Eltern gut für sich zu sorgen, Zeiten einzuplanen, um die eigenen Kraftreserven aufzufüllen.
Familienleben und Beziehungen entwickeln sich in der Auseinandersetzung miteinander, indem Konflikte konstruktiv gelöst werden und die Bedürfnisse aller Familienmitglieder gesehen werden. Hilfreich können Familienzeiten sein, bei der jedes Familienmitglied positives schildern und Wünsche äussern darf. Eltern sollten Kritik der Kinder als Entwicklungchance für sich selbst sehen.
Gerade mit mehreren Kindern kann es die Beziehung zum einzelnen stärken, wenn wir Zeit mit nur einem Kind verbringen. Oft kommt es hier zu tieferen und offeneren Gesprächen und die Beziehung intensiviert sich.
Beziehung leben wir in jedem Moment. Lasst uns eine positive auf Entwicklung bauende Beziehung zu unseren Kindern leben, um ihnen Vertrauen und Selbstbewusstsein mit ins Leben zu geben.
Meine Romane zum Thema Beziehung findet ihr hier

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