Kinder bedürfnisorientiert begleiten ist heute in aller Munde. Doch wo fängt ein Bedürfnis an und wo ist es vielleicht nur ein Wunsch. Und müssen Eltern alle Bedürfnisse der Kinder erfüllen und das möglichst sofort?
Weitere Informationen zum Thema bedürfnisorientiert begleiten: Bedürfnisorientiert heißt nicht grenzenlos und Bedürfnisorientiert begleiten und Selbstfürsorge
Bedürfnis
Ein Bedürfnis ist meiner Ansicht nach etwas existentielles, das der Mensch benötigt, um einen inneren Mangelzustand aufzufüllen und sich weiterentwickeln zu können. Bsp.: Bedürfnis nach Schlaf, Essen, Liebe, Zugehörigkeit zu Menschen, Sinnhaftigkeit im Leben, um nur einige zu nennen. Bedürfnisse sind meiner Ansicht nach unterschiedlich stark im Menschen vorhanden.
Wunsch
Einem Wunsch dagegen liegt immer ein Bedürfnis zugrunde. Daher ist es bei wiederholt auftretenden Wünschen sinnvoll, sich das Bedürfnis dahinter anzusehen und dieses zu erfüllen.
Bsp.: Nach einem Schulwechsel verbringt Anton (10 Jahre ) die meisten Nachmittage am Handy. Die Eltern überlegen die unterschiedlichen Bedürfnisse, die diesem Wunsch zugrunde liegen können. Bedürfnis nach Zugehörigkeit, nach Abwechslung, nach guten Gefühlen. Seine Eltern verbringen mehr aktive positive Freizeit mit ihrem Sohn und beziehen ihn in die Gestaltung mit ein. Parallel suchen sie mit ihm eine Freizeitaktivität in einem Verein, damit er neue Freunde kennenlernt.
Hätten die Eltern die Bedürfnisse nicht weiter beachtet und stattdessen die Handyzeiten einfach nur reduziert, hätte Anton wahrscheinlich dagegen protestiert und das Verhalten ungerecht gefunden. So jedoch haben die Eltern die unterschiedlichen Bedürfnisse hinter dem Wunsch wahrgenommen und diese erfüllt.
Ich will……
leitet häufig Wünsche und / oder Bedürfnisse ein und löst bei Eltern unterschiedliche Gefühle aus, wie ich in meiner Beraterinnenpraxis erfahren konnte.
Zuallererst einmal ist das Wort – ich will – ein wichtiges Wort und Eltern sollten sich freuen, dass Kinder etwas wollen. Denn der Wille ist der Weg unserem inneren Ziel zu folgen, ein Weg zu unserer inneren Motivation. Ohne eigenen Willen würden wir orientierungslos durch das Leben fallen und blind anderen Menschen folgen.
Es bedeutet jedoch nicht, dass wir dem Kind jeden Wunsch erfüllen müssen, den es äussert. Doch das Kind darf jeden Wunsch äussern. Damit das Kind sich gesehen fühlt, können wir ihm seinen Wunsch spiegeln und erklären, weshalb wir ihn nicht erfüllen oder nicht zu diesem Zeitpunkt erfüllen.
Es kann sein, dass das Kind auf unsere Verneinung wütend oder traurig reagiert. Das darf es auch und auch dieses Gefühl können wir dem Kind spiegeln.
Bsp.:
Das Kind kann durchaus sagen „ich will dieses Spielzeugauto haben“. Eltern können ihm den Wunsch spiegeln und ihm erklären, weshalb sie ihn jedoch nicht erfüllen. Eltern: „Ich habe das Gefühl du findest das Spielzeugauto toll. Was gefällt dir daran?“
Vielleicht erfahren die Eltern in diesem Gespräch das Bedürfnis hinter dem Wunsch. Mögliche Bedürfnisse könnten sein: dass das Kind hofft, dadurch in der Klasse angesehener zu werden oder es wünscht sich mehr positive Aufmerksamkeit der Eltern und versucht diese empfundene Leere mit Materiellem zu füllen. Nun können die Eltern wieder mit den Bedürfnissen arbeiten.
Parallel erklären sie dem Kind weshalb sie dieses Auto nicht kaufen wollen und nennen ihm Alternativen, um dieses Auto zu bekommen. „Du kannst es dir zu deinem Geburtstag wünschen oder vom Taschengeld kaufen.“
Wenn jeder Wunsch erfüllt wird, ohne dass das Bedürfnis dahinter berücksichtigt und erfüllt wird, taucht der Wunsch immer wieder auf und wird größer.
Stolperfallen der Eltern und ihre Lösungen
- schlechte Gewissen der Eltern, weil sie gerade wenig Zeit oder viel Streß haben und ihren Kindern daher etwas Gutes tun möchten. Statt dann materielle Wünsche zu erfüllen, lohnt es sich in Exlusivzeit mit dem Kind zu investieren. Hier zählt nicht die Dauer an Zeit, sondern wie diese Zeit verbracht wurde. Sind die Eltern mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit beim Kind in dieser Zeit.
- Wunsch nach Harmonie, Kindern Wünsche zu verweigern, auch wenn wir dies einfühlsam und respektvoll begleiten, kann zu starken Gefühlen führen. Starke Gefühle, Enttäuschungen und Konflikte sind natürlicher Bestandteil des Lebens und wo können Kinder dies besser lernen als in einem Umfeld, dem sie vertrauen und in dem sie wissen, dass auch starke Gefühle Platz finden. Wichtig ist daher nicht, Harmonie um jeden Preis, sondern starke Gefühle zu akzeptieren und repektvoll und einfühlsam mit dem Kind umzugehen. Einen Beitrag zum Thema Gefühle findet ihr hier: Kleine Kinder, große Gefühle
- Wunsch, das Kind immer glücklich zu sehen, hegen sicher viele Eltern. Doch das Leben hat Höhen und Tiefen und glücklich ist der Mensch, der weiß, dass er schwierige Situationen überstehen kann und das nicht ewig andauert. Genau dies lernen Kinder, wenn sie die Erfahrung machen, dass sie Schwierigekeiten, starke Gefühle überstehen können. Kinder brauchen hierbei die Begleitung ihrer Eltern, die gemeinsam mit ihnen nach Lösungen suchen und die Ängste und Sorgen der Kinder akzeptieren.
Übrigens auch für Erwachsene lohnt es sich, die Bedürfnisse hinter den Wünschen zu erkennen und diese sich selbst zu erfüllen.

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