Jedes Lebewesen trägt den Keim in sich, sich zu entwickeln und zu reifen. Die Umgebung sorgt für die nötigen Rahmenbedingungen. Gut, kann dies an Pflanzen beobachtet werden. Jede Pflanze benötigt ihre speziellen Rahmenbedingungen, um gedeihen zu können. Die Gärtner stellen dies zur Verfügung und benötigen Vertrauen und Geduld, damit die Pflanze heranwachsen kann.

Auch in unseren Kindern gibt es diesen inneren Antrieb, sich zu entwickeln und zu wachsen. Eltern schaffen die Rahmenbedingungen und geben die Leitlinien vor. Kinder brauchen keine starren Rahmenbedingungen, sondern solche, die sich ihrer Entwicklung gemäß verändern und anpassen. Die Eltern sind Teil dieser Rahmenbedingungen und entwickeln sich im Idealfall mit ihren Kindern gemeinsam weiter. Denn auch Eltern wachsen in ihre Rolle hinein und loten im Miteinander mit den Kindern aus, welche Bedingungen optimal sind. Kinder und Eltern bedingen sich gegenseitig. Daher ist es wohl die größte Aufgabe als Eltern, sich selbst im Kind zu reflektieren und zu verändern.

Näheres findet ihr hierzu in meinen vorangegangen Beiträgen unter Kinder prägen und Kinder unsere Spiegel

Sicher wünschen sich Eltern für ihre Kinder, dass sie selbstbewusst und innerlich gestärkt, als Erwachsene das eigene Leben in die Hand nehmen und glücklich ihren eigenen Weg gehen.

Kinder zu selbstständigen individuellen Erwachsenen begleiten, bedeutet für die Eltern nicht, dass dieser Weg einfacher ist. Kinder, die ihre eigene Persönlichkeit entwickeln dürfen, diskutieren, stellen in Frage und behaupten sich gegenüber ihren Eltern. Weitere Informationen findet ihr hier: Liebevoll erziehen keine Kuschelpädagogik

Doch was benötigen die Kinder von ihren Eltern und welchen Stolpersteinen begegnen den Eltern eventuell auf diesem Weg. Damit werde ich mich in diesem Beitrag beschäftigen.

Selbstständigkeit braucht Halt

Damit Kinder mutig die Welt entdecken und ihre eigene Persönlichkeit entwickeln, brauchen sie eine sichere Basis. Personen zu denen sie kommen und auftanken können, die ihnen mit Verständnis begegnen und sie in ihrem Wesen annehmen.

Den besten Grundstein legen Eltern/ Bezugspersonen durch eine sichere Bindung von Anfang an. Gerade Neugeborene und Säuglinge sind darauf angewiesen, dass ihre Bedürfnisse sofort befriedigt werden. Sie genauso wie die heranwachsenden Kinder benötigen Eltern / Bezugspersonen, die ihnen Aufmerksamkeit schenken, wenn die Kinder diese benötigen und einfordern. Wie trotzdem Selbstfürsorge für Eltern gerade bei älteren Kindern gelingen kann, finden ihr hier

Kinder, egal welchen Alters benötigen diesen sicheren Hafen. Eltern / Bezugspersonen, die ihnen den Rücken stärken und eine wärmende fehlerfreundliche Atmosphäre schaffen.

Eltern, die wissen, dass Kinder und Jugendliche, um zu lernen, eigene Erfahrungen machen müssen. Sie benötigen von ihren Bezugspersonen keine Bewertung, kein „ich habe es dir doch gesagt“, sondern vielmehr ein wertschätzendes Begleiten, indem gemeinsam nach Lösungen geschaut wird, wenn ein Ergebnis anders als erwartet ausgefallen ist.

Sie benötigen Erwachsene, die ihre eigenen Grenzen klar abstecken können und keine Konflikte mit ihren Kindern scheuen. Erwachsene, die die Kinder vor großen Gefahren schützen und trotzdem Raum für eigene Erfahrungen lassen.

Bsp.:

Marlene ( 5 Jahre) hat in ihrer Kindergartengruppe das Verhalten im Straßenverkehr als zukünftiges Schulkind besprochen. Ein Verkehrspolizist kam und übte mit ihnen praktisch über eine Straße gehen. Stolz verkündet Marlene ihren Eltern: „ich kann jetzt alleine in den Kindergarten gehen.“ Ihre Mutter weiß, dass ein fünfjähriges Kind noch nicht die Gefahren des Straßenverkehrs einschätzen kann und überlegt, wie sie trotzdem den Wunsch von Marlene umsetzt. Da sie auf dem Weg eine vielbefahrene Straße überqueren müssen und erst kurz vor der Kita eine ruhige Spielstraße beginnt, erklärt sie ihr, warum sie sie bis zu der beruhigten Spielstraße begleitet. Ab dort darf Marlene alleine gehen.

Selbstständigkeit braucht Zeit

Neben Menschen, die sie stärkend begleiten, benötigen Kinder und Jugendliche Zeit und die Möglichkeit, um im Spiel das Gelernte und Erlebte zu verarbeiten und zu vertiefen.

Möglichst viele Eindrücke führen oft zur Reizüberflutung und Überforderung. Wachstum braucht Zeit und ein ständiges Ausprobieren, damit sich etwas vertiefen kann. Daher brauchen Kinder je kleiner sie sind, nichts möglichst viele Angebote, sondern die gleichen Angebote über einen längeren Zeitraum.

Wie ein Baum: wenn er schnell wächst, ohne an seinem Fundament, den Wurzeln zu arbeiten, steht er wackelig und stürzt beim ersten Sturm. Ein Baum dagegen, der seine Wurzeln tief in die Erde wachsen lässt, sorgt für ein stabiles Fundament.

Halt braucht Verbindung

Verbindung bedeutet Resonanz. Damit Kinder ein Bild von sich selbst entwickeln können, benötigen sie ein Gegenüber, an dem sie sich spiegeln können, das Interesse an ihnen zeigt und Verantwortung übernimmt. Verantwortung übernehmen bedeutet nicht, den Kindern alles abzunehmen, sondern sie alters- und entwicklungsgerecht zu fordern. Dies kann durchaus mit Konflikten einhergehen, doch sich mit dem anderen auseinandersetzen, bedeutet auch, „du bist mir wichtig.“

Beispielsweise bei der Mithilfe im Haushalt. Näheres findet ihr hier

Verbindung mit sich selbst

In der Spiegelung und der Verbindung mit anderen, vor allem den Eltern/ Bezugspersonen baut das Kind das Bild von sich selbst auf und erhält im optimalen Fall eine Verbindung zu sich selbst. Verbindung mit sich selbst, bedeutet, dass das Kind weiß, was es kann und Vertrauen und Mut hat, Neues auszuprobieren, Fehler zu machen. Es gewinnt die Freiheit, sich selbst auszuprobieren, auch auf die Gefahr hin, dass es mißlingt.

Diese Verbindung mit sich selbst unterstützen die Eltern, indem sie das Kind dabei unterstützen, eigene Entscheidungen zu treffen. Je nach Alter und Entwicklungsstand bekommt das Kind so eine Teilverantwortung für sich selbst übertragen. Dabei ist es wichtig, dass Eltern / Bezugspersonen, Entscheidungen nicht bewerten, statt dessen mit den Kindern reden und Kompromisse finden.

Bsp.:

Die vierjährige Laura möchte trotz winterlichen Temperaturen das neue T-Shirt in die Kita anziehen. Die Eltern lassen Laura zum einen auf dem Balkon oder offenem Fenster fühlen, wie kalt es ist. Außerdem spiegeln sie ihren Wunsch: Das neue T-Shirt gefällt dir gut und du möchtest es in der Kita tragen. Das kannst du gerne machen, da es jedoch zu dünn ist, kannst du entweder einen dicken Pullover darunter ziehen oder eine Strickjacke darüber. Die kannst du ausziehen, wenn es dir in der Kita zu warm wird.

In diesem Beispiel nehmen die Eltern den Wunsch ihrer Tochter ernst, geben allerdings auch den Rahmen vor, indem dieser Wunsch umgesetzt werden kann.

In der Verbindung mit sich selbst, ist das Kind nicht von der Meinung der anderen abhängig. Dies unterstützen die Eltern auch, indem sie die Meinung und Bedürfnisse des Kindes ernst nehmen und das Kind darin bestärken. Es bedeutet nicht, dass alle Bedürfnisse des Kindes erfüllt, sondern wahr und ernst genommen werden. Näheres findet ihr hier

Verbindung mit sich selbst bewirkt, dass man die nötige Sicherheit in sich selbst hat, dass man Schwierigkeiten überstehen kann, Gefühle und Konflikte aushalten und Lösungen finden kann. Mehr unter Kraft der inneren Disziplin

An dieser Stelle sei auch die intrinsische Motivation erwähnt. Auch hierzu findet ihr hier, genauere Informationen

Verbindung mit anderen

Eine Verbindung zu anderen aufzubauen, fällt leichter, wenn eine Verbindung zu sich selbst besteht.

Die Verbindung zu anderen entsteht im Miteinander, indem Eltern mit ihren Kindern eine positive Beziehung leben, es ernst nehmen, ihm Zeit widmen, zuhören und gemeinsame Wege bei Konflikten finden.

Eine Verbindung entsteht, indem Eltern in einem authentischen Austausch mit dem Kind stehen, eigene Gefühle und Grenzen verbalisieren und sich entschuldigen, wenn sie Fehler gemacht haben.

Verbindung mit anderen baut das Kind auf, wenn es erfährt, dass die Eltern verlässlich sind. Doch sie entsteht auch daraus, dass die Eltern dem Kind etwas zutrauen und ihm seiner Entwicklung gemäß, Verantwortung übertragen.

Gleichzeitig gilt es die Balance zu finden, zwischen Loslassen und dem Kind den nötigen Halt und Nähe zu geben. Gerade in Zeiten in denen das Kind große Entwicklungssprünge macht, kehrt es noch einmal in eine vorangegangene Entwicklungsstufe zurück. Diese bereits vertrauten Entwicklungsstufen geben dem Kind Sicherheit und aus dieser Sicherheit kann es den Sprung in etwas Neues wagen. Eltern merken dies u.a., wenn das Kind Unterstützung möchte in Dingen, die es bereits kann oder wenn es in die Babysprache zurückfällt.

Bsp.:

Tom (4 Jahre) kann seine Schuhe mit Klettverschluss längst alleine anziehen. Gerade morgens vor der Kita weigert er sich oft und streckt seinen Eltern seine Füße entgegen.

Seine Eltern schauen in solchen Situationen, weshalb ihr Sohn Unterstützung benötigt, obwohl er längst alleine die Schuhe anziehen kann. Häufig wünscht Tom Hilfe wenn er müde ist. Entweder ziehen ihm die Eltern dann die Schuhe an. Doch häufig finden sie einen Kompromiss und ziehen ihm einen Schuh an und den anderen zieht er an oder sie ziehen die Schuhe an und er schließt den Klettverschluss.

Manchmal fordert er Hilfe ein, wenn er eigentlich eine Kuscheleinheit mit seinen Eltern bräuchte. In dem Fall hilft es oft, wenn die Eltern ihm erst diese Kuscheinheit schenken. Anschließend hat er wieder die benötigte Kraft, um die Schuhe allein anzuziehen.

Was lernen die Kinder, wenn wir ihnen helfen, wenn sie darum bitten?

  • Sie lernen, dass man andere Menschen um Hilfe bitten kann und nicht alles alleine machen muss
  • Sie lernen, dass um Hilfe bitten nichts mit Schwäche zu tun hat, sondern damit, gut für sich zu sorgen
  • Sie erhalten Vertrauen in andere Menschen
  • Sie lernen selbst, anderen zu helfen

In der Verbindung mit anderen wächst beim Kind das Vertrauen in andere und das Vertrauen in die Welt / bzw ins Leben.

Wenn das Kind Vertrauen hat, kann es sich öffnen und wachsen.

Was trennt die Verbindung?

Die Verbindung zum Kind wird beeinträchtigt, …….

  • durch Strafen, Bewerten, Auslachen, kleinhalten
  • durch Verwöhnen – wenn dem Kind etwas abgenommen wird, was es alleine machen will und kann, dadurch wird das Kind klein gehalten.
  • wenn die Eltern innerlich abwesend sind. Wenn sie sich z.Bsp. in ihren Handlungen davon leiten lassen, was könnten die anderen denken oder wenn sie handeln, wie sie laut Gesellschaft handeln sollten. Bsp.: das Kind bekommt im Geschäft einen Wutanfall und die Eltern sind mit ihrer Aufmerksamkeit nicht beim Kind, sondern bei dem Gedanken, was denken die anderen über sie und ihre Erziehung
  • wenn das Kind um Hilfe bittet und die Eltern verweigern die Hilfe
  • wenn die Eltern Grenzen setzen, ohne diese zu erklären.

Welche Reaktionen können Kinder zeigen, die in ihrer Entwicklung ständig begrenzt oder eingeschränkt werden:

  • Sie rebellieren dagegen und fordern ihre Selbstständigkeit ein
  • genauso können sie sich jedoch zurückziehen und unsicher und ängstlich werden
  • Sie verlernen ihrer inneren Motivation zu folgen und versuchen, mehr die Erwartungen ihrer Eltern / Bezugspersonen zu erfüllen.

Loslassen will gelernt sein auch für die Eltern

Loslassen braucht Annahme und Vertrauen, sowohl für die Kinder als auch für die Eltern.

Abschiede tun weh

Kinder ins Leben begleiten, bedeutet für beide Seiten ein ständiges Loslassen und Abschiednehmen. Jeder neue Lebensabschnitt der Kinder beinhaltet die Verheißung auf etwas Neues und ist gleichzeitig ein Abschied von der alten Lebensphase. Von dem Säugling zum Kleinkind zum Schulkind und zur Pubertät, um nur grobe Phasen zu nennen.

Außerdem durchlaufen die Eltern auch ihre eigenen Lebensphasen mit den Älterwerden der Kinder. Sie werden sich ihres eigenen Älterwerdens bewusst und durchlaufen eigene Entwicklungsphasen, Bsp.: Midlife Crisis, Wechseljahre.

Abschiede können traurig machen und das dürfen sie auch: bei Eltern und bei Kindern. Tränen unterstützen diesen Abschiedsschmerz, daher sollten Eltern Tränen nicht unterdrücken oder davon ablenken. Stattdessen die Kinder in den Arm nehmen und halten. Gefühle brauchen die Sicherheit, dass sie gezeigt werden dürfen und dass das Gegenüber sie aushält.

Wichtig ist, dass Eltern ihre Kinder nicht daran hindern, groß zu werden, sondern sie bei der Selbstständigkeit unterstützen. Kinder brauchen die Gewissheit, dass ihre Eltern, ihnen etwas zutrauen, sich an ihrer Selbstständigkeit erfreuen und sie dabei begleiten.

Und Kinder brauchen die Gewissheit, dass ihre Eltern sie nicht für das eigene Glück benötigen, sondern, dass ihre Eltern gut für sich sorgen können.

Bsp.:

Aufrecht sitzt Mona (9 Jahre) im Bus und schaut zu ihrer Mutter. Als der Bus los fährt winkt sie strahlend ihrer Mutter zu. Mit einem krampfhaft fröhlich wirkenden Lächeln winkt diese zurück. Sobald die Mutter in ihrem Auto sitzt, lässt sie ihren Tränen freien Lauf. Erst nachdem sie den Tränen Raum gegeben hat, kann sie sich auf die freie Zeit freuen, die ihr Kind auf Klassenfahrt ist.

Bewusst hat die Mutter in diesem Fall ihrer Tochter nicht ihre Trauer gezeigt, damit die Tochter nicht von der Traurigkeit der Mutter angesteckt wird. Hätte die Tochter die traurigen Augen der Mutter gesehen und diese gefragt, ob sie traurig ist, sollte die Mutter ja sagen. Allerdings dem Kind auch erklären, dass es gut ist, wenn das Kind auf Klassenfahrt geht und das Abschiede manchmal weh tun.

Jeder Schritt der Selbstständigkeit des Kindes fordert immer wieder auch das Vertrauen der Eltern ins Leben und in die Welt. In die Gewissheit, dass das Leben und die Welt den Kindern wohlgesonnen ist.

Eltern brauchen Vertrauen in sich selbst, dass sie den Kindern die nötigen Kernkompetenzen mitgegeben haben, um auch Schwierigkeiten zu überstehen.

Eltern brauchen Vertrauen in die Kinder, dass sie Schwierigkeit überstehen und gut für sich sorgen können.

Die Wichtigkeit, als Eltern für sich zu sorgen

Wenn Eltern gut für sich sorgen, zeigen sie ihren Kindern, dass sie auch gut für sich sorgen dürfen. Denn Kinder lernen hauptsächlich über das Vorbild.

Eltern, die gut für sich sorgen, machen andere nicht für Ihr Glück verantwortlich, sondern wissen, dass jeder Erwachsene für sein eigenes Glück verantwortlich ist. Kindern, die wissen, dass ihre Eltern gut für sich sorgen können und nicht traurig zuhause auf sie warten, fällt das Loslassen und selbstständig werden leichter.

Stolperfallen der Eltern

Eigene Kindheitserfahrungen

Die eigenen Kindheitserfahrungen der Eltern in Bezug auf Selbstständigwerden und Abschiede kann die Einstellung gegenüber den eigenen Kinder beeinflussen. Hier hilft es, diese zu reflektieren und bewusst andere Entscheidungen zu treffen.

Wenn Eltern in ihrer eigenen Kindheit, Abschiede als etwas belastendes erlebt haben, weil z.Bsp ihre Trauer nicht ernst genommen wurde oder die Eltern ohne Erklärung und Verabschieden, einfach gegangen sind, fällt es Eltern bei den eigenen Kindern evtl schwerer, diese loszulassen, da der alte Schmerz wieder aufsteigt.

Eigene Ängste

Eigene Ängste können Eltern daran hindern, die Kinder eigene Erfahrungen machen zu lassen. Die Eltern haben Angst, dass den Kindern etwas passieren kann. Hier gilt es abzuwägen, ob es eine begründete Angst ist, oder eine an denen die Kinder wachsen können und mit der sie lernen sollten, umzugehen. Eltern haben die Aufgabe, Kinder vor großen Gefahren zu schützen und kleinere Gefahren, an denen Kinder wachsen können, zuzulassen.

Doch auch die Angst, dass das Kind sie blamiert oder andere Menschen schlecht über es und somit sie als Eltern denken, kann bewirken, dass Eltern, Kinder kontrollieren und sie kleinhalten.

Auch die Angst, dass das Kind Fehler macht, die auf sie als Eltern zurückfallen oder die sie als Eltern verhindern könnten, verhindert dass Eltern ihre Kinder selbstständig werden lassen. Das Bewusstsein, das Fehler zum Wachsen dazugehören, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen, kann diese Angst lösen.

Es besteht die Gefahr, dass Eltern ihre Kinder kontrollieren und ihnen wenig bis keine Verantwortung abgeben wollen, um die eigenen Ängste und Unsicherheiten klein zu halten. Daher sollten Eltern, ihre eigenen Ängste, Gründe, Glaubensätze hinterfragen.

Säuglinge benötigen viel Aufmerksamkeit, doch sie sind in einem gewissen Maße pflegeleicht. Sie können noch nicht „Nein“ sagen, diskutieren noch nicht, und sind völlig von ihren Eltern abhängig. Mit der steigenden Selbstständigkeit besteht auch die Möglichkeit, dass sie sich verletzen, Fehler machen oder ihre Eltern, Angst haben, blamiert zu werden. Durch Kleinhalten versuchen Eltern, ihre eigenen Ängste, klein zu halten.

Eigene innere Leere füllen

Es gibt unterschiedliche Gründe, Kinder zu bekommen. Dies kann davon abhängen, welche Erfahrungen man in seiner eigenen Kindheit gemacht hat.

Hinter dem Wunsch nach einem Kind, kann z. Bsp. das Bedürfnis stehen, endlich einen Menschen zu haben, der zu einem gehört und für den man wichtig ist. Dann fällt es natürlich schwer, die Loslösung vom Kind zu unterstützen.

Ein Säugling benötigt seine Bezugspersonen anfangs rund um die Uhr. Eltern verlieren leicht ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen. Wenn es Eltern nicht gelingt, diese mit der steigenden Selbstständigkeit des Kindes wieder neu zu entdecken, besteht die Gefahr, dass sie die innere Leere mit der Kontrolle ihrer Kinder füllen.

Eigene Erwartungen

Auch Erwartungen die Eltern an ihre Kinder oder Wünsche, die sie für ihre Kinder haben, können diese kleinhalten. Kinder spüren diese Erwartungen und Wünsche und verlernen im schlimmsten Fall, auf ihre eigene innere Stimme zu hören und entwickeln ein schlechtes Gewissen oder Schuldgefühle, wenn sie sich gegen die Wünsche und Erwartungen ihrer Eltern stellen.

Stolperfallen überwinden

Für eine gesunde Entwicklung und ein starkes eigenes Selbst ist es wichtig, dass Kinder lernen, selbstständig zu werden, Hindernisse zu überwinden und sich selbst zu vertrauen. Dafür brauchen sie Eltern, die Vertrauen in sie haben und ihnen Stück für Stück Verantwortung übergeben. Doch wie können Eltern damit umgehen, wenn ihnen dies schwer fällt:

  • sich selbst und seine eigenen Kindheitsmuster / bzw generell seine Muster und Glaubenssätze erkennen und reflektieren
  • aktiv an sich arbeiten, bewusst andere Entscheidungen treffen und sich seinen Ängsten stellen
  • oft hilft der Austausch mit anderen Eltern oder dem Partner, um andere Sichtweisen kennenzulernen und seine eigenen evtl anzupassen.
  • Geduld mit sich haben und dem Kind mit einer ich-Botschaft erklären, falls man sich Sorgen macht Bsp.: das Kind klettert alleine auf einen Baum. Obwohl die Bezugsperson weiß, dass der Baum nicht sehr hoch ist und keine Gefahr für das Kind besteht, merkt sie, wie sie Angst überkommt. In einer ich-Botschaft erklärt sie dem Kind: Wenn ich sehe, dass du so hoch kletterst, mache ich mir Sorgen, dass du dir weh tust. Auch wenn ich weiß, dass du das kannst. Ich bin manchmal so ängstlich
  • das größte Geschenk, dass wir uns und unseren Kindern machen können, ist es unsere bestehenden Muster anzuschauen und zu verändern, falls sie der Selbstständigkeit der Kinder hinderlich sind. Kinder brauchen keine perfekten Eltern, sondern Eltern, die sich mit ihnen weiterentwickeln.
  • Ohne die Bedürfnisse des Kindes aus den Augen zu verlieren, für die eigenen Bedürfnisse sorgen, dann brauchen andere nicht die eigenen innere Leere füllen

Step by step

Selbstständigkeit will gelernt sein und braucht Übung. Außerdem gibt es Mut, wenn Kinder spüren, dass ihre Eltern an sie glauben und ihnen etwas zutrauen. Wenn Kinder dann noch in ihrer Selbstständigkeit bestärkt werden, gelingen die kleine Schritte in die Selbstständigkeit besser.

Sensible Phasen der Kinder

Kinder zeigen und sagen uns, wenn sie zum nächsten Schritt bereit sind. Es gibt die sogenannten sensiblen Phasen in denen Kinder bestimmte Schritte in die Selbstständigkeit leichter fallen, sei es „auf Toilette gehen“, „alleine zuhause bleiben“, „bei Freunden oder Verwandten alleine übernachten“……

Bsp.:

Anton ( 4 Jahre) möchte alleine beim Bäcker einkaufen. Seine Mutter bestärkt ihn und sagt ihm, dass sie ihn bis zur Bäckerei begleitet. Auf dem Weg besprechen sie was er kaufen soll. An der Eingangstür des Ladens bleibt seine Mutter stehen, gibt ihm den Beutel und das Kleingeld. Sie sagt ihm, dass sie hier wartet und er sie rufen kann, falls er Fragen hat. Den Beutel mit den Brötchen in der einen und das Wechselgeld in der anderen kommt Anton wieder stolz auf sie zu. Die Mutter nimmt lächelnd den Beutel und das Wechselgeld und bedankt sich bei Anton.

Die Aufgabe der Eltern ist es, diesen Wunsch nach Selbstständigkeit aufzugreifen und zu entscheiden, wie sie das Kind darin unterstützen können ( Alters- und entwicklungsgemäß)

Bsp.:

Marie ( 5 Jahre) möchte alleine zuhause bleiben. Ihr Vater weiß, dass sie von ihrer Art ein ruhigeres Kind ist und traut ihr eine kurze Zeit zu. Er bespricht mit ihr, was sie in dieser Zeit machen kann und dass sie beim Klingeln nicht die Tür öffnen soll. Er erklärt ihr, dass er in den Keller geht und die Wäsche abhängt und in 5 Minuten wieder da ist. Stolz blickt ihm seine Tochter entgegen, als er nach 5 Minuten wieder kommt.

Kinder sind unterschiedlich in ihrem Charakter und ihrer Neugierde. Eltern tragen die Verantwortung, dass Kindern auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit keine großen Gefahren drohen. Daher gilt es neue Situationen in kleinen Schritten einzuführen, so dass die Kinder möglichst positive Erfahrungen machen können, die ihnen Mut machen.

Ängste begleiten

Neue und unbekannte Situationen können Angst machen. Die Ängste der Kinder sollten Eltern ernst nehmen.

Oft ist es für die Kinder leichter in kleinen Schritten an ungewohnte Situationen herangeführt zu werden. Häufig hilft es auch, wenn Eltern die Situationen vorher mit den Kindern besprechen oder die Situationen mit den Kindern durchspielen. Wenn Kinder wissen, was auf sie zukommt und wenn sie erfahren, dass sie damit umgehen können, fallen neue Situationen oft leichter. Für Kinder ist es gut, wenn ihre Ängste ernst genommen werden und sie sich in ihrem eigenen Tempo entwickeln können.

Das Kind entscheidet in welchen Schritten es selbstständig wird. Die Eltern können selbst kleine Schritte in die Selbstständigkeit der Kinder positiv bestärken: „Du hast heute selbst die Brötchen gekauft.“

Fehler akzeptieren

Zur Entwicklung gehören Fehler dazu. Kinder, die wissen, dass sie Fehler machen dürfen und sie von Eltern und Bezugspersonen nicht bewertet werden, fällt es sicher leichter, neue Dinge auszuprobieren und immer mehr in die eigene Verantwortung hineinzuwachsen. Statt den Kindern zu sagen: „ich habe dir doch gedagt, dass das nicht geht“ oder „hättest du mal auf mich gehört“, sollten Eltern / Bezugspersonen Kinder begleiten und gemeinsam nach Lösungen suchen, wenn das Ergebnis anders als erwartet wird.

Bsp.:

Stolz schüttet Laura sich aus einer kleinen Flasche Wasser in ihren Becher. Dabei achtet sie nicht auf die Füllhöhe im Becher und das Wasser läuft über den Rand und auf den Tisch. Von dort tropft das Wasser auf das Parkett. „Oh“, sagt Laura und hält sich betroffen die Hand vor den Mund. Ihr Vater sagt: „Das passiert. Ist mir auch schon passiert, dass ich nicht aufgepasst habe. Ich hole schnell zwei Lappen. Dann wische ich den Boden trocken und du den Tisch.“

Was nimmt Laura aus dieser kleinen Szene mit. Sie erfährt, dass es in Ordnung ist, etwas falsch zu machen auch wenn es aus Unachtsamkeit geschieht und etwas ist, das sie bisher gut hinbekommen hat. Sie erfährt, dass man Fehler wieder gut machen kann und man sich gegenseitig dabei helfen kann.

Verantwortung abgeben

Kinder ins Leben begleiten, bedeutet, ihnen Stück für Stück Verantwortung für sich selbst zu übertragen, abhängig vom Alter und Entwicklungsstand. Das Ziel sind erwachsene Menschen, die eigenverantwortlich ihr Leben leben können.

Eltern / Bezugspersonen begleiten ihre Kinder auf diesem Weg, Verantwortung zu übernehmen.

Dies bedeutet, dass Kinder lernen, Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen, jedoch auch die Konsequenzen dafür zu übernehmen. Dafür brauchen sie Erwachsene, die sie begleiten auch wenn die Entscheidung anders ausgefallen ist, als die Erwachsenen sie empfohlen hätten. Kinder brauchen dann kein „ich habe es dir doch gesagt“ oder „das war klar, dass das nicht funktioniert“.

Vielmehr brauchen sie Erwachsene, die ihnen zuhören, gemeinsam einen neuen Weg mit ihnen besprechen und die Situation reflektieren.

Wenn das Kind erwachsen geworden ist, ist es in die gesamte Verantwortung für sein eigenes Leben gewachsen mit dem Wissen, dass es bei Fragen, Problemen seine Eltern ansprechen kann. Eltern von denen es nicht bewertet wird oder Antworten vorgegeben bekommt, sondern Eltern die zuhören, sich interessieren und durch offene Fragen ihrem erwachsenen Kind helfen, die Antwort in sich zu finden. So gelingt eine Beziehung auf Augenhöhe.

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Ich bin Isabel

Herzlich willkommen auf meinem Blog über ganzheitliche Pädagogik und innere Entwicklung.

Ganzheitliche Pädagogik berücksichtigt das Kind in seiner Ganzheit als Körper, Geist und Seele, sowie in der Wechselwirkung mit seiner Familie und seinem Umfeld.

Dieser Blog möchte Impulse geben, die den eigenen Blickwinkel erweitern, das eigene Verhalten reflektieren, um den eigenen Herzensweg mit seiner Familie zu finden.

Freut euch auf einen Blog mit Ideen, um Alltagssituationen klar und friedlich zu lösen und sich selbst weiter zu entwickeln.

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