O-ton eines Vaters: Ich weiß noch, wie ich anfangs schmunzelte, als meine Tochter als mein Echo im Autositz „sseise“ sagte. Seitdem bin ich nicht nur vorsichtiger mit meinen Worten geworden, sondern meine Tochter bringt inzwischen die interessantesten Wortkreationen aus der Kita mit. „Scheisse“ ist da fast das harmloseste. Meine anfängliches Schmunzeln hat sich leider in eine Ratlosigkeit verwandelt.

So wie diesem Vater geht es sicher auch anderen Eltern und manch einer hört seine eigene Schimpftirade als Echo bei seinen Kindern wieder.

Schimpfwörter üben auf Kinder eine große Faszination aus.

Doch woher kommt diese Faszination und vor allem wie gehen Eltern damit um?

Kinder wollen lernen

Das Ziel der Kinder ist Entwicklung. ( Nur nebenbei: das sehe ich als das Ziel aller Menschen, nur ist vielen Erwachsenen irgendwann die Neugier und der Blick auf die kleinen Wunder des Lebens im Alltag, durch die tägliche Monotonie, Stress und Gewöhnung an das Leben, abhanden gekommen.)

Sie lernen sprechen und erfahren, dass sie mit ihren Worten etwas bewirken können. Sprache lernen Kinder über das Miteinander. Worte benutzen sie erst einmal ohne Wertung. Diese entsteht erst durch unsere Reaktion.

Neugierig und kreativ haben sie Spaß daran, Wortkreationen zu erfinden und kreativ einzusetzen.

Sie ahmen ihre Eltern / Bezugspersonen nach und so hören Eltern manche Wörter, die ihnen in ihrer Wut entschlüpfen, aus dem Mund ihrer Kinder wieder.

Kinder sind Forscher

Neugierig erforschen sie ihre Umwelt, die Menschen um sie herum und die Reaktion der Menschen. Dies ist wichtig für sie, damit sie die Welt verstehen. Näheres darüber wie wir unsere Kinder prägen, findet ihr hier

Sie probieren neue Wortkreationen aus und beobachten die Reaktion ihrer Umgebung. Sie finden es spannend wie andere Menschen auf ihre Worte reagieren. Ein darüber schmunzeln oder wütend werden, regt sie an, diese Wörter auch an anderen Personen zu testen. Dies machen die Kinder nicht, um andere zu ärgern, sondern um die Reaktionen zu testen und zu lernen, wie Menschen funktionieren.

Die anfangs harmloseren Wortkreationen entspringen häufig der Fäkalsprache und beginnen häufig in der Zeit des Trockenwerdens wenn Kinder bewusstes Interesse an ihren Ausscheidungen entwickeln. Vor sich hin kichernd kreiren Kindergartenkinder miteinander die lustigsten Worte. Gemeinsam Worte erfinden, die lustig klingen schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Kindern. Wenn diese Worte dann noch bei den Erwachsenen spannende Reaktionen hervorrufen, gelingt Kindern eine erste Abgrenzung zu der Welt der Erwachsenen und gibt ihnen unbewusst ein Stück Macht über eine Welt in der sie oft machtlos fühlen.

Doch die Kinder werden älter und mit ihnen verändern sich die Schimpfwörter. Andere Kinder gewinnen an Einfluss und werden zu einem Vorbild. Da sagt das coole Mädchen ein Wort auf das die Erwachsenen interessant reagieren. Schnell wird dieses Wort in den Wortschatz integriert und bei nächster Gelegenheit rausgehauen. Ganz cool. In eine andere Welt schlüpfen und selbst zu der Person zu werden, die man bewundert. Der Sinn des Wortes bleibt häufig verborgen.

Eltern und Schimpfwörter

Perspektivwechsel für Eltern

So sehr die Schimpfwörter der Kinder auch ein Ärgernis für die Eltern ist, so gibt es auch positive Aspekte für die Kinder, auf die ich hier näher eingehen will. Das bedeutet nicht, dass Eltern ihre Kinder ermuntern sollten, Schimpfwörter zu benutzen. Vielmehr möchte ich einen Perspektivwechsel bei den Eltern anregen, damit sie Schimpfwörtern gelassener begegnen können, um so ruhig und bewusst zu reagieren. Und auch hier die andere Seite der Medaille zu sehen.

Befassen wir uns kurz mit den positiven Aspekten von Schimpfwörtern für Kinder:

  • Kinder lernen Sprache spielerisch zu benutzen, erfinden neue Worte.
  • Es schafft ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe von Gleichaltrigen
  • Kinder nehmen unterschiedliche Rollen ein, wie z. B. die des bewunderten Coolen
  • Eine erste Abgrenzung gegenüber Erwachsenen findet statt.
  • Durch Sprache entwickeln Kinder Alternativen, ihre Gefühle auszudrücken.

Mögliche Stolperfallen für Eltern

  • Eltern sehen nur die erwachsene Sicht auf Schimpfwörter und nicht, dass Kinder Forscher sind und die Bedeutung von Schimpfwörtern meistens nicht kennen
  • Eltern nehmen die Schimpfwörter ihre Kinder persönlich. Dabei probieren Kinder meistens nur aus, testen die Reaktionen der Eltern oder benutzen Schimpfwörter, um ihre Wut auszudrücken.
  • Glaubenssätze über Schimpfwörter, die aus den eigenen Erfahrungen in der Ursprungsfamilie stammen, vernebeln oft die Sicht.
  • Was denken die anderen über einen, wenn das Kind Schimpfwörter benutzt und wie wird der Umgang damit von anderen bewertet, beeinflusst oft unsere neutrale Sicht.
  • Zukunftsprojektion, die Eltern malen sich bereits die schlimmste Zukunft aus, anstatt nur das Jetzt zu sehen.

Diese Stolperfallen sorgen dafür, dass Eltern die Verbindung zu sich selbst und ihren Kinder verlieren. Sich diese Stolperfallen bewusst zu machen, ist hier der Schlüssel, um wieder in die Verbindung zu sich selbst und den Kindern zu kommen. Diesem Wachstum der Eltern werde ich hier bald einen weiteren Beitrag widmen.

Umgang der Eltern

Vorbild

Kinder beobachten ihre Eltern und näheren Bezugspersonen sehr genau. Sie lernen über die Nachahmung. Dabei unterscheiden sie nicht, zwischen dem was Eltern weitergeben wollen und dem was sie tatsächlich weitergeben. Kinder bewerten nicht. Sie sehen erwachsene Menschen als ihre Vorbilder an, die allwissend und richtig sind. Daher ist es sicher ein wertvoller Schritt, wenn Eltern selbst keine Schimpfwörter benutzen. Dies ist oft nicht einfach, denn wie schnell entwischt uns ein Schimpfwort und die Kinder sind dabei. Verständnis sollten wir hier nicht nur mit uns selbst haben, sondern auch mit den Kindern, wenn ihnen ein Schimpfwort entschlüpft.

Eltern müssen keine heiligen sein, die alles „richtig“ machen. Für Kinder ist es viel befreiender, wenn sie erleben, dass ihre Eltern auch Fehler und Gefühle haben. Sie benötigen Vorbilder, die Fehler eingestehen und sich entschuldigen können. Und Eltern, die nicht strenger mit den Kindern sind, als mit sich selbst.

Ruhe bewahren

Wenn wir uns vor Augen halten, dass Kinder die Welt um sich herum erforschen, wird schnell klar, dass eine extreme Reaktion, ihr Interesse steigert. Wenn die Eltern lachen oder sich aufregen, forschen Kinder weiter. Reagieren alle Erwachsenen so spannend ?

Ruhe bewahren und keine Reaktion auf die Worte zeigen kann erst einmal hilfreich sein. Wird das Wort inflationär weiter benutzt, können Eltern und Bezugspersonen ruhig und kurz mit den Kindern darüber sprechen.

Hintergrund der Wörter erklären

Oft kennen Kinder nicht die Bedeutung der Wörter und reden diese nur nach. Eltern können den Kindern kindgerecht das Wort erklären.

Eltern können einen Perspektivwechsel bei den Kindern anregen, indem sie ihnen erklären, wie das Wort auf andere wirkt und was es bei diesen auslösen kann.

die Ursache hinter dem Wort finden

Menschen handeln selten ohne Grund, auch wenn ihnen der Grund nicht bewusst ist. Dies gilt auch für Kinder. Um angemessen auf die Schimpfwörter der Kinder reagieren zu können, lohnt es sich daher zu reflektieren, in welchem Augenblick das Kind das Wort sagt. Vor allem wenn es das Wort oder die Wörter inflationär benutzt.

  • Wut: Kinder, je jünger sie sind, können ihre Gefühle noch nicht konstruktiv äussern. In ihrer Verzweiflung, Machtlosigkeit beginnen sie zu hauen, beißen oder sobald sie merken, dass bestimmte Worte andere ärgern, auch mit Worten. In diesem Fall können Eltern ihren Kindern andere Wege aufzeigen, um ihre Gefühle zu äussern. Mehr dazu hier.
  • Forschen: Wie oben bereits erwähnt, erforschen Kinder ihre Umgebung und testen oft wie andere auf bestimmte Wörter reagieren. Hier hilft es ruhig zu bleiben, die Wörter erst einmal zu ignorieren oder ruhig mit den Kindern reden, dass einen die Worte verletzen.
  • cool sein: auch in diesem Fall gilt es, ruhig zu bleiben. Eltern können die Wörter nutzen, um mit dem Kind ins Gespräch zu kommen. Mit ihm über die Bedeutung von Worten sprechen und zu überlegen, welches Verhalten wirklich cool ist. Eltern sollten hier hauptsächlich Zuhörer sein und ihren Kindern nicht die Antworten vorgeben. Außerdem sollte man nur mit dem Kind reden, wenn es auch dazu bereit ist.

Regeln vereinbaren

Sollten die Kinder über längere Zeit Schimpfwörter sagen, kann man gemeinsam mit den Kindern Regeln vereinbaren. So kann zum Beispiel vereinbart werden, das nur in einem Raum Schimpfwörter gesagt werden dürfen oder jedes Mal 1 Cent in eine Spardose kommt. Die Regeln gelten natürlich für alle Familienmitglieder. Für die Gerechtigkeit zahlen die Eltern einen höheren Betrag, da sie über mehr Einkommen verfügen. Von dem Geld unternimmt die Familie etwas gemeinsam.

alternative Wörter finden

Gefühle suchen ein Ventil. Je jünger die Kinder sind, desto schwerer fällt es ihnen Gefühle angemessen zu äussern. Gerade starke Gefühle sollten Kindern äussern können. Hauen, beissen ist oft ein Mittel, welches sie in ihrer Hilflosigkeit einsetzen. Im Grunde ist das Sagen von Schimpfwörtern ein erster Versuch, Gefühle und Konflikte mit Worten zu benennen.

Gemeinsam mit den Kindern können die Eltern alternative Wörter erfinden, die man statt Schimpfwörtern sagen kann. Die alternativen Wörter sollten auch die Eltern statt Schimpfwörtern benutzen.

Und wenn uns Erwachsenen dann doch einmal ein Schimpfwort über die Lippen kommt, machen uns die Kinder schnell aufmerksam. Dann können die Erwachsenen innehalten, zugeben dass das Kind Recht hat und sich entschuldigen. Denn das Kind lernt im Miteinander und Voneinander.

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Ganzheitliche Pädagogik berücksichtigt das Kind in seiner Ganzheit als Körper, Geist und Seele, sowie in der Wechselwirkung mit seiner Familie und seinem Umfeld.

Dieser Blog möchte Impulse geben, die den eigenen Blickwinkel erweitern, das eigene Verhalten reflektieren, um den eigenen Herzensweg mit seiner Familie zu finden.

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